Die Agenda-Politik 2010 mutete der sogenannten "Neuen Mitte" Großes zu: Bei der Modernisierung des Wirtschaftssystems und der Verschlankung und Effektivierung des Sozialstaats sollte sie die dynamische Hauptrolle spielen und gleichzeitig dadurch als Schubkraft für den "gesellschaftlichen Rest" wirken. Seitdem fließt die Mitte, wie sich anhand einschlägiger empirischer Studien feststellen lässt, ab: so hat sich die Schicht der Bezieher mittlerer Einkommen zwischen den Jahren 2000 und 2006 deutlich verringert. Unter anderem dieser empirische Befund führt zur Sorge um die Mitte - und zu Sorgen dieser Mitte "um sich selbst". Im öffentlich-politischen Diskurs weisen Attribute wie: "bedroht", "gefährdet", "verwundbar" auf den Ernst der Lage hin; und die Rede vom "harten Kern" der Mitte suggeriert einerseits, dass die Mitte als Mitte unaufgebbar und unverzichtbar erscheint, macht aber gleichzeitig die Unschärfe dieses gesellschaftlichen Gebildes deutlich und die Schwierigkeit, geeignete Kategorien der Zuordnung zu benennen. Das vorliegende Heft beleuchtet die diskursive und programmatische Konstruktion und Bedeutung der "Mitte" insbesondere mit der Absicht, Erkenntnisse zum Formwandel von Sozialstaatlichkeit zu generieren.
SCHWERPUNKT-Beiträge: Berthold Vogel: Minusvisionen in der Mittelklasse. Soziale Verwundbarkeit und prekärer Wohlstand als Leitbegriffe neuer sozialer Ungleichheiten; Stephan Lessenich: Das Elend der Mittelschichten. Die "Mitte" als Chiffre gesellschaftlicher Transformation; Thomas Wagner: Gibt es eine "neue" Unterschicht? - Ein Beitrag gegen Entsolidarisierung; Gabriele Winker: Fragile Familienkonstruktionen in der gesellschaftlichen Mitte. Zum Wandel der Reproduktionsarbeit und den politischen Konsequenzen; Christine Resch: Von der Staatsbedürftigkeit des Kapital
FORUM-Beitrag: Manfred Kappeler: Der Kampf ehemaliger Heimkinder um die Anerkennung des an ihnen begangenen Unrechts.