Das Heft 71 der Widersprüche erschien unter dem Schwerpunkttitel „Die Biologisierung des Sozialen?“. Im Editorial bezeichnete die Redaktion der Widersprüche als „eigentlichen Knackpunkt“ ihrer Diskussion über biologische Argumentationen in gesellschaftspolitischen Zusammenhängen, dass neben individuellem menschlichem Verhalten auch „soziale (Ungleichheits-)Verhältnisse zweckdienlich kategorisiert und auf biologisches Schicksal zurückgeführt“ werden. Die Gen-Forschung trage mit
ihren „immer neuen Funden“ zur Legitimation gesellschaftlich hervorgebrachter Ungleichheit bei, indem fast jede Normabweichung auf ein spezifisches Gen zurückgeführt werde. Dieser Befund seither nicht obsolet geworden. Im Gegenteil: Mit dem neuen Jahrtausend wird der alte naturwissenschaftliche Fortschrittsoptimismus von der eugenischen Vervollkommnung der Menschen-Gattung durch das Human Genome Project von Bio-Medizin, Gen-Forschung und Technologie im Verein mit der Bevölkerungspolitik quasi neu begründet. Unter dem Eindruck des vergangenen Darwin-Jahres greifen die Widersprüche diesen Begründungszusammenhang kritisch auf.
Aus dem Inhalt: Eckhard Rohrmann: Ausgewählte Schlaglichter aus dem „Kulturkampf“ wissenschaftlicher und religiöser Fundamentalismen und seiner Zuspitzung im Umfeld des sog. Darwinjahres; Erika Feyerabend: Molekulargenetische Regierungsprogramme; Michael May: Zur Kritik von evolutionärer Theorie und Pädagogik sowie der Rezeption neurowissenschaftlicher Erkenntnisse in den Erziehungswissenschaften; Thomas Krauß: Psychologie der Evolutionspsychologie?; Gundula Barsch: Medizinisch eingehegt: Forschung zum Umgang mit psycho-aktiven Substanzen; Eckhard Rohrmann: Zur Dialektik der Evolution oder die Evolution
der Evolution. Von der Aufhebung der biologischen in der sozialen und kulturellen Evolution - Aspekte einer dialektisch-materialistischen Interpretation der Darwinschen Evolutionstheorie; Manfred Kappeler:
Darwin und der Sozial-Darwinismus - Ein Beitrag zur Entmythologisierung des Evolutions-Heiligen; FORUM-Beitrag: Erdmann Prömmel: Zwang in der sozialen Arbeit, welcher Zwang? - oder: Von der Pädagogik der Seele zur Konditionierung des Verhaltens